Kurz vor der Abreise nach Mailand und Cortina d’Ampezzo schien die Eishockey-Welt für unsere deutschen Nachbarn noch absolut in Ordnung. Die in Nordamerika engagierten Nationalspieler zeigten in der NHL noch einmal ordentlich auf und bewiesen, dass sie pünktlich zum Start der Winterspiele 2026 ihre beste Form gefunden hatten. Vor allem Tim Stützle sprühte nur so vor Spielfreude. Beim 3:2-Erfolg seiner Ottawa Senators über die Pittsburgh Penguins machte er nicht nur eine Bude selbst, sondern legte auch noch einen Treffer auf – ganz nebenbei beendete er damit den Lauf der Pinguine, die davor sechsmal in Folge als Sieger vom Eis gegangen waren. Auch der restliche Olympia-Kader sammelte noch kräftig Selbstvertrauen. Moritz Seider hielt beim 2:0 seiner Detroit Red Wings gegen das Topteam der Colorado Avalanche hinten dicht, und John-Jason Peterka durfte sich beim deutlichen 6:2 der Utah Mammoth gegen Vancouver im zweiten Drittel mit dem zwischenzeitlichen 5:1 ebenfalls in die Torschützenliste eintragen, auch wenn in dieser Partie Nick Schmaltz mit drei Toren und zwei Vorlagen der eigentliche Man of the Match war. Nico Sturm reiste zwar nach einer überstandenen Krankheit ohne Punktgewinn beim 4:3-Overtime-Sieg der Minnesota Wild gegen Montreal an, stand aber nach seiner Pause wieder voll im Saft. Mit einem Aufgebot, aus dem natürlich ein Leon Draisaitl von den Edmonton Oilers noch einmal als absoluter Superstar herausragt, flog man also nach der NHL-Pause am Donnerstag mit extrem breiter Brust nach Italien.
Doch das olympische Turnier tickt eben oft ganz anders als der Liga-Alltag in Nordamerika. Am Samstag stand für die deutsche Truppe das zweite Gruppenspiel auf dem Programm, und das wurde zu einer denkbar zähen Angelegenheit. Lettland hieß der Gegner, und wer sich auf deutscher Seite eine lockere Partie ausgerechnet hatte, wurde rasch eines Besseren belehrt. Am Ende stand ein hart umkämpftes 4:3 für die Letten auf der Anzeigetafel – ein Resultat, das bei den Deutschen sicher für ordentlich Kopfzerbrechen sorgt.
Dabei fing das Ganze eigentlich genau nach dem Geschmack der DEB-Auswahl an. Schon nach knapp zwei Minuten brachte Lukas Reichel seine Mannschaft in Führung. Die Letten zeigten sich davon aber unbeeindruckt und setzten auf ihr extrem unangenehmes, physisches Spiel. In der 15. Minute war es dann Dans Ločmelis, der zum ersten Mal an diesem Nachmittag für Lettland einnetzte und den Ausgleich besorgte. Deutschland hatte zwar postwendend eine Antwort parat, als Lukas Kälble nur eine Minute später den alten Vorsprung wiederherstellte, aber man merkte schon zu diesem Zeitpunkt: Das wird heute ein richtiger Hackler für die Favoriten.
Im Mitteldrittel ging der Rhythmus bei der deutschen Mannschaft dann schleichend verloren. Lettland ackerte sich immer tiefer ins Spiel hinein, und abermals war es Ločmelis, der nach 28 Spielminuten das 2:2 auf dem Schläger hatte. Was dann im Schlussabschnitt passierte, glich aus deutscher Sicht einem kleinen Albtraum, während die Letten offensiv aufzeigten. Eduards Tralmaks drehte die Partie in der 49. Minute komplett auf 3:2. Als Renārs Krastenbergs nur gut zwei Minuten später sogar auf 4:2 erhöhte, brannte im deutschen Verteidigungsdrittel endgültig der Hut. Die Letten überzeugten dabei durch eine enorme Kadertiefe im Spielaufbau: Zemgus Girgensons steuerte gleich zwei Vorlagen bei, während sich Leute wie Uvis Jānis Balinskis, Kaspars Daugavins, Jānis Jaks, Alberts Šmits und Rūdolfs Balcers ebenfalls mit je einem Assist in den Spielberichtsbogen eintragen ließen.
In den letzten Minuten hieß es für das lettische Team eigentlich nur noch: Hinten zumachen und die Uhr gnadenlos runterlaufen lassen. Die deutschen Angriffe wurden immer verzweifelter und hektischer. Klar, Tim Stützle packte in der 57. Minute noch einmal seine NHL-Klasse aus und brachte Deutschland mit seinem Anschlusstreffer auf 4:3 heran, was den Zuschauern auf den Rängen noch ein paar richtig nervenaufreibende Schlussmomente bescherte. Aber die Aufholjagd kam zu spät. Während Lettland nach diesem grandiosen Sieg nun am Sonntag gegen Dänemark alle Trümpfe in der Hand hat, um mit einem weiteren Erfolg direkt in die K.o.-Phase einzuziehen, muss man sich im deutschen Lager ernsthaft die Frage stellen, warum man die individuelle Klasse aus Übersee nicht als geschlossene Mannschaft aufs europäische Eis bringen konnte.