Licht und Schatten in Motor City: Seiders Aufstieg und die Sorgen der Red Wings

Es ist eine dieser Karrieren, die man sich in Hollywood kaum besser ausdenken könnte, und doch ist sie im beschaulichen Thüringen verwurzelt. Moritz Seider, Deutschlands neues Aushängeschild in der besten Eishockeyliga der Welt, hat als erster Spieler aus den neuen Bundesländern den Sprung in die NHL geschafft und ist dort bei den Detroit Red Wings mittlerweile eine unverzichtbare Größe. Er zählt zweifellos zu den besten Verteidigern, die derzeit auf dem nordamerikanischen Eis stehen. Doch auch ein Superstar wie Seider muss sich mit den harten Realitäten des Liga-Alltags auseinandersetzen, denn für seine Mannschaft läuft es derzeit alles andere als rund.

Dämpfer vor der Olympiapause

Die aktuelle Stimmung in Detroit ist angespannt. Zwar gehen die Red Wings mit soliden 72 Punkten in die anstehende Olympiapause, doch die jüngste Formkurve zeigt bedrohlich nach unten. Aus den letzten fünf Partien konnte die Mannschaft lediglich einen Sieg und ein Unentschieden nach regulärer Spielzeit mitnehmen. Besonders schmerzhaft war dabei die jüngste 1:4-Niederlage gegen die Utah Mammoth am Mittwoch. Es war ein Abend zum Vergessen für die Truppe aus Michigan, der schon denkbar schlecht begann.

Bereits nach 58 Sekunden klingelte es im eigenen Kasten – ein früher Rückstand, der die Pläne der Red Wings sofort über den Haufen warf. Als wäre das nicht genug, handelte sich das Team unnötige Strafzeiten ein. Utahs Nick Schmaltz nutzte eine Fünf-gegen-Drei-Überzahl eiskalt aus und stellte rasch auf 2:0. Während Utah seine Chancen im Powerplay konsequent verwertete, ist das Überzahlspiel der Red Wings derzeit das Sorgenkind: Aus den letzten 16 Möglichkeiten resultierte lediglich ein einziger Treffer.

Das Fehlen des letzten Schliffs

Kapitän Dylan Larkin zollte nach der Partie zwar dem gegnerischen Torhüter Karel Vejmelka Respekt, legte den Finger aber auch in die Wunde der eigenen Offensive. Es fehle der Mannschaft in den letzten Spielen einfach der letzte „Touch“ vor dem Tor, jene Kaltschnäuzigkeit, die Spiele entscheidet. „Man muss sich nur ansehen, wie sie ihre Tore gemacht haben, das war der Unterschied“, analysierte Larkin nüchtern. Ein glücklicher Treffer zu Beginn, dann das Tor in doppelter Überzahl – und schon läuft man einem 0:2 hinterher. „Wir haben uns zwar Chancen erarbeitet, aber gegen einen heißgelaufenen Goalie kein Mittel gefunden“, so der Kapitän weiter.

Auch Headcoach Todd McLellan blies ins selbe Horn und haderte vor allem mit der verschlafenen Anfangsphase. „Wir hatten einen enttäuschenden Start. So ein Gegentor gleich zu Beginn will man einfach nicht kassieren“, erklärte der Trainer. Dass man danach fast den ganzen Abend einem Rückstand hinterherlief, brach dem Team das Genick. Die Situation in der Tabelle spitzt sich indes zu: Die Buffalo Sabres liegen nur noch zwei Punkte hinter Detroit, beflügelt durch einen wahren Erfolgslauf seit der Entlassung von General Manager Kevyn Adams im Dezember.

Vom Zettel im Kindergarten zur Weltbühne

Während der Kampf um die Playoff-Plätze tobt, lohnt sich ein Blick darauf, wie Moritz Seider überhaupt in diese Position gekommen ist. Seine große Karriere begann nämlich einst ganz unscheinbar mit einem kleinen Zettel. In seinem Spind im Kindergarten fand der damals Fünfjährige eine Notiz des EHC Erfurt für ein „Eishockey-Schnuppertraining“. Seider, der schon damals gerne Schlittschuh lief, erinnert sich im Gespräch mit SPORT1 gerne zurück: „Wir konnten in den Wintermonaten im Kindergarten aufs Eis gehen, und da hab’ ich großen Gefallen dran gefunden.“ Es habe ihm einfach Spaß gemacht, auf der Eisschnelllaufbahn seine Runden zu drehen.

Zusammen mit Mutter Sabine folgte er der Einladung in die Erfurter Trainingsstätte, die lokal nur liebevoll als „Kartoffelhalle“ bekannt war. Dort griff der kleine Moritz zu Schläger und Puck – und war sofort Feuer und Flamme. Der körperbetonte Sport, der Zusammenhalt im Team und die reichliche Action hatten es ihm angetan.

Eine Familie lernt Eishockey

Für seine Eltern brachte das neue Hobby allerdings Herausforderungen mit sich. „Die hatten gar keine Ahnung von dem Sport, haben sich dann erstmal ein Regelwerk gekauft“, erzählt Seider schmunzelnd. Mittlerweile sind Vater Kay und Mutter Sabine seine wohl größten Fans. Das besagte Regelbuch existiert übrigens immer noch – es wurde irgendwann an die Oma weitervererbt, damit auch sie bei den Spielen mitreden kann.

Interessanterweise waren die NHL und der Stanley Cup damals noch meilenweit von Seiders Gedanken entfernt. Sein erstes großes Traumziel war viel bodenständiger: Er wollte irgendwann für die Erfurt Black Dragons in der Oberliga auflaufen. „Ich hatte ja keine Ahnung, was es in der Welt noch so gibt“, gesteht er heute. Während andere Kinder seiner Generation Poster von Sidney Crosby oder Alexander Owetschkin im Zimmer hingen hatten, blickte Seider zu Oliver Otte auf. Der Stürmer spielte von 2001 bis 2017 für die Black Dragons und war das große Idol des heutigen NHL-Stars.

Ein kometenhafter Aufstieg

Aus dem Traum, wie Oliver Otte in der Oberliga zu spielen, wurde nichts – zum Glück für das deutsche Eishockey. Otte arbeitet mittlerweile als Polizist und verfolgt gemeinsam mit seinem Kind die Spiele von Seider im Trikot der Red Wings. „Wir schreiben uns hin und wieder immer noch. Ist schon eine verrückte Welt, die sich da gedreht hat“, findet Seider.

Mit 14 Jahren verließ er die heimische „Kartoffelhalle“ und wechselte ins Nachwuchs-Leistungszentrum der Adler Mannheim. Rückblickend bezeichnet Seider dies als einen „tollen Schritt“, der ihn in der Kurpfalz schnell erwachsen werden ließ. Als 16-Jähriger debütierte er in der DEL, und nur knapp ein Jahr später feierte er 2019 den Gewinn der Deutschen Meisterschaft. Wenige Wochen später sorgte Red-Wings-Manager Steve Yzerman beim Draft für ein Raunen im Publikum, als er Seider bereits an sechster Stelle zog. So früh war noch nie ein deutscher Verteidiger ausgewählt worden. Für viele Experten in Nordamerika war er damals noch ein Unbekannter – heute ist er der Hoffnungsträger, der Detroit wieder zu alten Erfolgen führen soll, auch wenn es auf dem Weg dorthin, wie das Spiel gegen Utah zeigte, noch einige Hürden zu meistern gilt.

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