VAEXJOE,SWEDEN,31.AUG.18 - ICE HOCKEY - CHL, Champions Hockey League, Vaexjoe Lakers vs EC Red Bull Salzburg, preview. Image shows Chris Vandevelde (EC RBS). Photo: GEPA pictures/ Daniel Goetzhaber - For editorial use only. Image is free of charge.

Kommentar: Ist die Punkteregelung noch zeitgemäß?

12 mins read

Seit ihrer Einführung ist die Punkteregelung der EBEL ein viel diskutiertes Thema. Von der Liga als „Salary Cap light“ verkauft, hat sie sowohl zahlreiche Kritiker als auch Unterstützer. Doch ist die Punkteregelung – in ihrer derzeitigen Form – noch zeitgemäß und hilfreich.
Die Punkteregelung wurde 2007 eingeführt und sollte die Konkurrenz in der Liga erhöhen. Durch Vergabe von Punkten an jeden einzelnen Spieler und dem Setzen einer Punkteobergrenze, unterhalb derer die Vereine jeden beliebigen Spieler verpflichten dürfen, sollte der Konzentration von den besten einheimischen Spielern auf eine handvoll Vereine ein Ende gesetzt, gleichzeitig jedoch eine Alternative zu teuren Österreichern geschaffen werden.

Doch zeigte das System in der Praxis schnell seine Fehler: Auch weiterhin hol(t)en sich die „großen“ Clubs, allen voran Salzburg und der KAC sowie die Black Wings aus Linz, die besseren Österreicher von den „kleinen“ Vereinen, wie die Transfers von David Madlener, David Kickert, Clemens Unterweger oder Mario Huber zeigen.
Zwar ist die Liga generell näher zusammengerückt und auch kleinere Vereine können sogar in Playoff-Serien ordentliche Leistungen abrufen – Salzburg gegen Dornbirn (2013/14), Wien gegen Innsbruck (2017/18) – doch die Erwartung, dass sich Vereine wie Graz, Innsbruck oder Dornbirn längerfristig nach oben spielen, blieb unerfüllt.
Die Punktevergabe erfolgt seit einigen Jahren, nachdem zuvor die Vereine selbst die Punkte für die Spieler der Konkurrenz festlegten, per einem computergesteuerten System. Die sogenannte „objektive Punkteregel“ stützt sich auf sechs, nunmehr fünf Parameter, anhand derer sie für einheimische Spieler einen Wert errechnet. Diese setzen sich aus
A) der Stärke der Liga, in der der Spieler zuletzt gespielt hat,
B) dem Alter,
C) dem zugewiesenen Punktewert der vergangenen Saison,
D1) der Anzahl der absolvierten Spiele in der vergangenen Saison in Relation zur Anzahl der insgesamt veranstalteten Spiele der jeweiligen Liga,
D2) für Angreifer den erzielten Punkten pro Spiel, für Verteidiger den erzielten Punkten pro Spiel sowie der Puls/Minus-Statistik aus der vergangenen Saison,
zusammen.
Nicht betroffen von dieser Errechnung sind U24-Spieler (austomatisch 0 Punkte), Legionäre (automatisch 4 Punkte, U20 zählen nur 2) und Torhüter (als U24 0 Punkte, als U28 1,5 Punkte, als Ü28 2 Punkte, als Legionär siehe oben).
Demnach sind je nach Saison nur rund 40% der Spieler mit einem individuellen Punktewer belegt. Problematisch ist vor allem der Übergang von Nullpunkter zum erstmaligen Erscheinen in der Bewertungsliste. Da die meisten dieser Spieler den Punktewert 1,5 erhalten, ist dies ein Sprung, der wohl zu oft die Vereine dazu bewegte, die betroffenen Verträge nicht zu verlängern.
Ein weiterer Streitpunkt ist, dass jene U24-Spieler mit „echten“ Juniorenspielern (U20) gleichgesetzt werden. Sieht man sich in anderen Nationen um, so gibt es einige Spieler, die bereits mit einundzwanzig Jahren in das Nationalteam berufen werden und die nächsten Jahre auch durchaus gesetzte Kandidaten sind. Diese Entwicklung fehlt im heimischen Eishockey jedoch fast komplett.
Ein Argument für die Einführung der Punkteregel war ja das Versprechen, dass aufgrund der hohen Bewertung von Legionären und den besten Österreichern mehr Platz für Nachwuchs geschaffen würde, da die nötige Kadertiefe sonst nicht erreicht würde. Abgesehen von den Vienna Capitals, die in den vergangenen Jahren die Nachwuchsarbeit stark forciert und von selbst angekurbelt haben, und dem VSV, der in dieser Saison auf sieben U23-Spieler setzt (und vielleicht auch deshalb am Ende der Tabelle zu finden ist), bleibt jedoch auch diese Entwicklung hin zu mehr Youngsters in der EBEL aus.

Doch was sind die Alternativen zu der lückenhaften Punkteregelung?

  • Ausländerlimitierung: Die DEL fährt mit einer klaren Regelung. Pro Spiel dürfen maximal neun Legionäre eingesetzt werden. Dies setzt zwar eine Mindestanzahl an deutschen Spielern, doch können finanzschwache Teams wie Straubing oder Schwenningen aufgrund der gestiegenen Gehälter für einheimische Spieler nicht mithalten und finden sich daher mit zweitklassigen Einkäufen stetig am Ende der Tabelle. Auch in der EBEL würde dies wohl zu einer steigenden Zweiklassigkeit führen.
  • Keinerlei Ausländerbeschränkung: In Finnland und vor allem Schweden wurde auf den stetigen Abgang junger Spieler nach Nordamerika reagiert, indem man keine Regelung für die Verpflichtung von ausländischen Spielern einführte. Die Überschwemmung des Marktes durch Legionäre blieb in beiden Ländern aus, was jedoch vorrangig wohl am schier unendlichen Pool an guten, jungen Talenten und dem Wert, den Eishockey in den beiden Top 5-Nationen (Stand 21.11.2018) hat, liegt. Österreich hat hier wohl nicht die nötige Quantität an guten einheimischen Spielern.
  • Verpflichtender Einsatz von Jugendspielern: In der tschechischen Extraliga muss eine gewisse Anzahl an Nachwuchsspielern am Spielbericht stehen. In der Realität kommt es jedoch zu kaum bis gar keiner Eiszeit für diese.

Den letzten Alternativvorschlag, der anhand eines Gedankenspiels entstanden ist, stellt der Autor selbst. Hierbei geht es um eine Neuordnung und Vereinfachung der Punkteregel:

  • Punktevergabe: Die Punkte werden jedem Spieler zugeteilt, hierbei sind Alter und Nationalität ausschlaggebend.
    U23-Spieler (jede Nationalität) – 0 Punkte
    U26-Spieler (jede EBEL-Nationalität) – 1 Punkt
    Spieler über 25 (eigene Nationalität) – 1,5 Punkte
    Spieler über 25 (andere EBEL-Nationalitäten) – 2 Punkte
    Spieler über 22 (alle Nicht-EBEL-Nationalitäten) – 4 Punkte
  • Punktereduktionen: Um einen Anreiz zu schaffen, Spieler schon in jungen Jahren häufiger einzusetzen, können Punktereduktionen für einzelne Cracks erzielt werden. Diese sind abhängig von Einsätzen über einen gewissen Zeitraum.
    U23-Spieler (EBEL-Nationaliät) – Wenn der Spieler über drei Saisonen lang je mindestens zehn Spiele in der EBEL absolviert hat, zählt er als U26-Spieler fortan nur mehr 0,5 Punkte.
    U26-Spieler (eigene Nationalität) – Wenn der Spieler über fünf Saisonen lang (U23 + U26) je mindestens zehn Spiele in der EBEL absolviert hat, zählt er als Spieler über 25 Jahre fortan nur mehr 1 Punkt.
    U26-Spieler (andere EBEL-Nationalitäten) – Wenn der Spieler über fünf Saisonen lang (U23 + U26) je mindestens zehn Spiele in der EBEL absolviert hat, zählt er als Spieler über 25 Jahre fortan nur mehr 1,5 Punkte.
    U23-Spieler (alle Nicht-EBEL-Nationalitäten) – Wenn der Spieler über drei Saisonen je mindestens zehn Spiele in der EBEL absolviert hat, zählt er als Spieler über 22 fortan an nur mehr 3,5 Punkte.
    Für Torhüter gilt der Richtwert bei fünf absolvierten Spielen.
    Sollte ein Verein einen für ihn einheimischen Spieler verpflichten, der jedoch die Punktereduktion (hauptsächlich) bei einem Verein aus einer anderen EBEL-Nation erreicht hat, zählt dieser Spieler trotzdem als Spieler der eigenen Nationalität und seine Punkte reduziert. (Beispiel: Ein in Österreich ausgebildeter Ungar hat die nötige Anzahl an Spielen erreicht, um als Ü25-Spieler in Österreich nur 1,5 Punkte zu zählen. Besagter Ungar wechselt nun in seine Heimat zu Fehérvár. Dort zählt er als ungarischer Staatsbürger mit mindestens zehn Spielen in mindestens fünf Saisonen innerhalb der EBEL nur einen Punkt.)

Die Punkteobergrenze würde bei fünfundvierzig pro Spiel liegen. Als Stichtag für die Einteilung in die verschiedenen Altersklassen (U23, U26, Ü25) würde der 1. September der jeweiligen Saison dienen.
Hat ein Spieler die Staatsbürgerschaft zweier Nationen, so ist jene auschlaggebend, für deren Nationalmannschaft er verfügbar ist. Hat der Spieler noch kein internationales Spiel bestritten, ist das Geburtsland entscheidend.
Um das System zu veranschaulichen, wird es im folgenden Teil auf den Kader der Vienna Capitals in der Saison 2018/19 angewendet:

Spieler (Nationalität) Alter am
1. September 2018
Anzahl Saisonen mit mind. 10 Spielen (Altersgruppe) tatsächlicher Punktewert (Altersgruppe)
JP Lamoureux (USA) 34 (nicht tragend) 4 (Ü22-Legio)
Matthias Tschrepitsch (AUT) 19 1 (U23) 0 (U23)
Mat Clark (CAN) 27 (nicht tragend) 4 (Ü22-Legio)
Marc-André Dorion (CAN) 31 (nicht tragend) 4 (Ü22-Legio)
Dominic Hackl (AUT) 21 4 (U23) 0 (U23)
Philipp Lakos (AUT) 38 3 (U26) = nicht ausreichend  1,5 (Ü25)
Patrick Mullen (USA) 32 (nicht tragend) 4 (Ü22-Legio)
Patrick Peter (AUT) 24 7 (U23) 0,5 (U26)
Alex Wall (CAN) 27 (nicht tragend) 4 (Ü22-Legio)
Jamie Arniel (CAN) 28 (nicht tragend) 4 (Ü22-Legio)
Chris DeSousa (CAN) 27 (nicht tragend) 4 (Ü22-Legio)
Mario Fischer (AUT) 29 7 (U26) 1 (Ü25)
Nikolaus Hartl (AUT) 26 6 (U26) 1 (Ü25)
Riley Holzapfel (CAN) 30 (nicht tragend) 4 (Ü22-Legio)
Benjamin Nissner (AUT) 20 3 (U23) 0 (U23)
Andreas Nödl (AUT)  31 1 (U26) = nicht ausreichend 1,5 (Ü25)
Emil Romig (AUT) 25 0 (U23) = nicht ausreichend 1 (U26)
Rafael Rotter (AUT) 31 6 (U26) 1 (Ü25)
Peter Schneider  (AUT) 27 0 (U26) 1,5 (Ü25)
Kelsey Tessier (CAN) 28 (nicht tragend) 4 (Ü22-Legio)
Taylor Vause (CAN) 26 (nicht tragend) 4 (Ü22-Legio)
Ali Wukovits (AUT) 22 2 (U23) 0 (U23)
 Gesamt: 49

Die Capitals würden damit also vier Punkte über der Obergrenze liegen und müssten zum Beispiel einen Legionär abmelden beziehungsweise pro Spiel einen Legionär auf die Tribüne setzen.
Der VSV hingegen liegt mit zweiundvierzig Punkten drei Punkte unter der Grenze. Dies ist vor allem aufgrund der bereits erwähnten sieben U23-Spieler im Kader der Adler möglich.
Ohne Zweifel ist auch dieses System nicht ohne Fehler oder Nachteile. Klar ist, dass die Liga nicht die nötigen Mittel hat, um alleine etwas an der Nachwuchssituation zu ändern. Vorzeigeabteilungen wie in Wien sind und werden auch weiterhin die Ausnahme bleiben. Auch hier fehlt es den kleineren Vereinen an den finanziellen Möglichkeiten.
Eine nachhaltige Vergrößerung und Verbesserung des österreichischen (Nachwuchs)eishockey kann es nur geben, wenn Liga, Verband und der Staat Österreich gemeinsam ein Projekt starten. Bis dahin sind Vereine und Liga jedoch hauptsächlich auf sich selbst gestellt. Aufgrund dieses Umstandes und der Internationalität der EBEL bleibt eine Punkteregelung wohl die beste Möglichkeit, den Nachwuchs in die höchste Spielklasse Österreichs zu bringen. In was für einer Form diese Regel ausgeführt wird, ist letztendlich Sache der Vereine.

Lukas Hörmandinger (Wien- und NHL-Korrespondent für ring-hockey.at)

 

Comments