Bild: fodo.media/ Harald Dostal

Benoit Gratton: „Ich erinnere mich an mein erstes NHL-Spiel, als wäre es gestern gewesen“

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RH-Redakteur Patrick A. hat sich mit dem langjährigen Vienna Capitals-Stürmer Benoit Gratton ausführlich unterhalten. Der heute 42jährige plauderte über den Beginn seiner Karriere, die größten Erfolge und sein Leben nach der aktiven Zeit als Spieler.

Erster Shift gegen Francis, Jagr und Straka

1995 wurde Benoit Gratton als damals 19jähriger in Runde 5 von den Washington Capitals gedraftet. Die erste Saison absolvierte er dann für das Farmteam – die Portland Pirates. In der Saison 97/98 dann stand der Center erstmals in der besten Liga der Welt, der NHL, auf dem Eis. “Als ich 1995 gedraftet wurde, ist ein Traum wahr geworden. Als kanadischer Junge in der NHL zu spielen ist der ultimative Traum. Wenn ich meinen Washington-Sweater anhatte und meinen Namen hörte, war es eines der schönsten Gefühle auf der Welt.“ so Gratton. Über sein erstes Spiel für Washington erzählte uns Gratton begeistert: “An mein erstes Spiel erinnere ich mich, als wäre es erst gestern gewesen. Es war in Pittsburgh. Mein erster Shift war gegen Ron Francis, Jaromir Jagr und Martin Straka. Meinen ersten Assist konnte ich noch in dieser Saison in Buffalo gegen die Sabres verbuchen. Und mein erstes Tor erzielte ich in der Saison darauf in St. Louis, gegen den damaligen Goalie Grant Fuhr.“ In den Jahren darauf war der Heißsporn auch für die Calgary Flames und die Montreal Canadiens im Einsatz – den Großteil seiner Spiele verbrachte er jedoch bei den Farmteams, den Saint John Flames und den Hamilton Bulldogs, wo er auch für 2 Jahre Kapitän war. Ebenfalls wurde Gratton 2x ins AHL-All Star Game einberufen, was für ihn eine große Ehre war. Seine Statistik in der AHL spricht Bände: 495 Spiele, 443 Scorerpunkte sowie 1161 Strafminuten. In der NHL brachte es Angreifer auf insgesamt 58 Spiele in denen er 16 Scorerpunkte erzielen konnte. Auf die Frage warum es nicht für mehr Spiele in der NHL gereicht hat, teilte uns Gratton mit: “Der Grund, warum ich nicht mehr Spiele gemacht habe, ist eine schwer zu beantwortende Frage. Timing, Verletzungen und die Tatsache, dass man kein großer Spieler war, halfen natürlich nicht, um aus dem Farmteam ins NHL-Team zurück zu kommen. In der damaligen Zeit war die Regelauslegung noch etwas anders – Halten und Haken wurde noch nicht so rigoros bestraft. Deshalb hatten es die kleineren Spieler schwerer ihr Talent unter Beweis zu stellen.“ 

Ich war immer bereit zu kämpfen

2004/05 ging es für Benoit Gratton erstmals nach Europa. Seine erste Station war die Schweiz. HC Lugano in der NLA war für ein Jahr lang der Arbeitgeber. Von dort an ging es direkt in die DEL – 3 Jahre stand er für die Hamburg Freezers auf dem Eis. Nach seinem Deutschland-Abenteuer wechselte Gratton in die österreichische Hauptstadt nach Wien. Das Trikot der Vienna Capitals wurde 6 Jahre lang getragen, 4 Jahre war auch das “C“ auf seiner Brust. Seine Ausbeute in der EBEL kann sich wirklich sehen lassen. 313 Spiele für Wien – 402 Punkte, 1053 Minuten in der Kühlbox. 2008/09, 2009/10, 2010/11 und 2013/14 war er ligaweit der Spieler mit den meisten Strafminuten. 2010/11 wurde Gratton zum MVP, dem wertvollsten Spieler in Liga, ausgezeichnet.  Über seine aggressive Art Eishockey zu spielen, erzählte Gratton: “Ich habe immer alles was ich konnte auf dem Eis gegeben, war immer bereit alles dafür zu tun, um zu gewinnen. Ich war immer bereit zu kämpfen, zu fighten oder einen harten Check zu Ende zu fahren. Ebenfalls versuchte ich durch “trash talk“ meine Gegenspieler zu provozieren und sie so aus dem Spiel zu nehmen. Ich glaube, das war die Ursache, bei den eigenen Fans stets ein Publikumsliebling gewesen zu sein und von den gegnerischen Fans wurde ich dadurch gehasst“.

Über die Unterschiede der europäischen Ligen NLA, DEL und EBEL meinte der symphatische Kanadier: “ Ich glaube, die DEL und die EBEL ist eher ähnlich, mit cirka 10 Ausländern, die meisten davon sind aus Nordamerika. Auch der Stil in diesen Ligen ist mehr nordamerikanisch ausgelegt. In der Schweiz hingegen wird eher schnell gespielt, mehr individuell und weniger systematisch. Auch wird weniger physisch gespielt als in Österreich oder Deutschland.“

Schwere Verletzung im CHL-Spiel

Benoit Gratton hatte eigentlich noch vor, eine siebente Saison im Dress der Wiener anzuhängen. Doch leider wurde daraus nichts, denn als er im CHL-Spiel gegen Valerenga Oslo am 23. August 2014 zur Bande gecheckt wurde, war es Gewissheit: Lange Pause. Zum damaligen Vorfall erzählt Gratton heute: “ Ich hatte eine Wirbelsäulen-OP. und ich war über ein Jahr auf Rehabilation. 18 Monate nach der Operation bin ich auf das Eis zurück gekehrt – für die Jonquiere Marquis in der LNAH. Das ist eine Halbprofi-Liga in Quebec. Die Liga wird von Jahr zu Jahr stärker. Eine Menge guter Spieler beenden hier ihre Karriere, aber mittlerweile kommen auch viele junge Spieler in diese Liga.“

Nach den 2 Jahren als Spieler war Gratton weitere 2 Jahre als Headcoach für den selben Klub tätig: “ Ich coachte dort 2 Jahre, aber ich trainiere auch 2 Highschool-Programme und weiters gebe ich als Skills-Coach Privatunterricht. Ich bin derzeit jeden Tag auf dem Eis und unterstütze in allen Arten und Bereichen. Für die Saison 2020/21 starte ich mit einem U20 – Team in einer College-Liga. Ich bin dort für die Rekrutierung der Spieler verantwortlich und bin auch der Headcoach. Es ist eine neue Herausforderung – ich freue mich darüber und bin schon aufgeregt.“

Ich und meine Frau sind die Taxifahrer für unsere Töchter

“Zur Zeit lebe ich in meiner Heimatstadt wo ich aufgewachsen bin, in St. Jerome, das ist cirka eine halbe Stunde nördlich von Montreal. Ich bin so ziemlich jeden Tag am Eis und ich liebe es. Mit meinen 3 Töchtern bin ich auch ziemlich beschäftigt – sie spielen Fussball und eine spielt auch Eishockey. Meine Frau und ich sind als Taxifahrer ziemlich eingeteilt.“ Gratton ist auch noch mit vielen seiner ehemaligen Teamkollegen in Kontakt und plant auch eine Reise nach Wien: “Ich habe noch mit vielen Kollegen Kontakt. Meine Frau und ich würden sehr gerne eine Reise nach Wien planen, aber derzeit haben wir leider keine Zeit. Wien ist unsere zweite Heimat geworden und meine Familie und ich vermissen die Stadt Wien. Wir haben dort sehr viele wunderbare Leute und Freunde fürs Leben kennengelernt.“ Zum Schluss hat der dreifache Familienvater noch eine Nachricht an die Organisation und die Fans der Vienna Capitals: “Ich wünsche den Vienna Capitals das Beste – Herr Schmid, Franz Kalla und speziell an die Fans, die einen großen Anteil am Erfolg der Vienna Capitals haben.“

Bild: fodo.media/ Harald Dostal

 

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